Warum ich trotz Solar noch am Netz hänge
Auch mit Solaranlage und Speicher ist der Netzanschluss sinnvoll. Ich erkläre warum – ehrlich und ohne Romantik.
Von Redaktion AutarkieHome · Redaktion · veröffentlicht am 22. Oktober 2025
Die Frage, die alle stellen
Sobald ich erzähle, dass wir über 87 % Autarkie erreichen, kommt fast immer dieselbe Frage: „Warum hast du dann noch einen Netzanschluss?" Die Antwort ist komplexer als ein einfaches „weil ich muss" – und lohnt einen genaueren Blick.
Rechtliche Pflicht: Netzanschluss ist in Deutschland vorgeschrieben
Zunächst das Wichtigste: In Deutschland besteht nach dem Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) eine Anschlusspflicht. Wer ein Gebäude besitzt, muss grundsätzlich an das öffentliche Netz angeschlossen sein. Eine vollständige Abkopplung – auch bekannt als „Off-Grid" – ist für ein normales Wohngebäude in Deutschland rechtlich nicht ohne weiteres möglich.
Das klingt zunächst frustrierend. Aber in der Praxis hat der Netzanschluss handfeste Vorteile.
Das Netz als perfektes Backup
In den dunkelsten Winterwochen – wenn mehrere bewölkte Tage hintereinander kommen – sinkt unser Speicher unweigerlich. Dann brauchen wir Strom aus dem Netz. Ohne Netzanschluss müssten wir entweder:
- Einen massiv überdimensionierten Speicher betreiben (sehr teuer)
- Einen Generator als Backup halten (laut, wartungsintensiv, fossile Abhängigkeit)
- Eine Brennstoffzelle oder Wasserstofflösung betreiben (extrem teuer)
Das öffentliche Netz bietet dagegen unbegrenzte Kapazität, ist zuverlässig und kostet im Standby praktisch nichts. Als Backup für 10–15 % des Jahresverbrauchs ist es unschlagbar effizient.
Einspeisevergütung: Das Netz zahlt zurück
Ein weiterer Vorteil: Im Sommer produziere ich weit mehr Strom als ich brauche. Dieser Überschuss fließt ins Netz und bringt Einspeisevergütung. Aktuell sind das bei mir etwa 8,3 Cent pro kWh. Kein Vermögen – aber immerhin über 265 Euro im Jahr, die die Amortisationszeit der Anlage verkürzen.
Bidirektionale Beziehung: Geben und Nehmen
Ich sehe den Netzanschluss heute als bidirektionale Partnerschaft. Im Sommer gebe ich dem Netz Strom. Im Winter nehme ich welchen. Per Saldo beziehe ich netto kaum noch Energie – manchmal wird aus mir sogar ein Nettolieferant. Diese Symmetrie ist wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll.
Was ich vom Netzanschluss wirklich halte
Ehrlich gesagt? Ich bin froh, den Netzanschluss zu haben. Nicht als Krücke, sondern als kluges Sicherheitsnetz. Die Autarkie liegt bei 87 % – das ist echte Unabhängigkeit. Die verbleibenden 13 % über das Netz abzusichern ist keine Niederlage, sondern Pragmatismus.
Wer auf 100 % Off-Grid besteht, zahlt ein Vielfaches und lebt in ständiger Planung. Wer 85–90 % anstrebt und das Netz als Backup nutzt, lebt komfortabel, wirtschaftlich und dennoch fast vollständig frei. Das ist mein Weg.